Was gibt’s neues zur Energiezukunft? –  Ein professorales Streitgespräch zur Energiezukunft der Schweiz.

Veröffentlicht am 30 Mai 2018

Zur Energiezukunft könnten ihre Positionen nicht weiter auseinanderliegen: Dem einen erscheint der vom Bund vorgeschlagene Weg zu zahm, dem anderen als Jahrhundertfehler. Die Professoren Anton Gunzinger und Silvio Borner ziehen blank.

 

Braucht die Energiewende eine Wende?

Silvio Borner (B): Je früher, desto besser. Zum Glück ist de facto noch nicht allzu viel passiert. Die AKW laufen noch, und Sonne und Wind liefern erst knapp zwei Prozent des Strombedarfs.
Anton Gunzinger (G): Keine Wende, aber ein verschärftes Marschtempo. Denn die Energiestrategie 2050 ist ja an sich ziemlich zahm. Und in den letzten Monaten hat sie nochmals an Fahrt verloren.

 

Stehen klimapolitische Ziele und der Atomausstieg im Widerspruch zueinander?

B: Sogar diametral, denn Sonne und Wind werden die Kernkraft nie voll ersetzen und emittieren ohnehin schon zehn Mal mehr CO ² pro Kilowattstunde als die Kernenergie.

G: Nein. Letztes Jahr hat die Welt etwa 250 TWh erneuerbare Energie zugebaut. Das entspricht etwa 30 Mal der Kapazität des AKW Gösgen.

 

Macht es Sinn, Nukleartechnologien weiterzuverfolgen?

B: Ja, weil die Energiedichte hier millionenfach höher ist als bei Kohle oder Erdöl. Eine neue Reaktorgeneration mit viel kleineren Einheiten, weniger Abfällen und erhöhter Sicherheit steht kurz vor der Marktreife.

G: Nein, denn 3 bis 4 Rappen Grenzkosten für Atomstrom steht heute schon 1 Rappen für Solarstrom gegenüber.

 

Schweizer Stromkonzerne können bei der Grosswasserkraft nicht mehr kostendeckend produzieren. Sind staatliche Subventionen eine Lösung?

B: Nein, weil die Konzerne beziehungsweise ihre staatlichen Eigentümer in guten Zeiten exzessive Dividenden ausgeschüttet haben, Wasserkraft sofort wieder rentabel wird, wenn Deutschland aufhört, mit Dumpingpreisen den Strommarkt zu verzerren und mittelfristig die Preise für Grundlast und Speicherkapazitäten wieder steigen werden.

G: Nein, viel klüger wäre eine CO ² -Abgabe auf alle Energieformen, wie wir sie auf Wärme bereits haben. Damit würde Kohle- und anderer Dreckstrom um 10 Rappen pro Kilowattstunde teurer und Wasserkraft mit Produktionskosten von 5 bis 6 Rappen mit einem Schlag wieder konkurrenzfähig.

 

Welche Energien werden billiger?

B: Wie die Entwicklungen bei Öl und Gas zeigen, sind hier grosse Preisschwankungen in Form von Zyklen auch in Zukunft zu erwarten. Zudem zeigt auch das Fracking, dass unerwartete technische Durchbrüche zu Preisstürzen führen können.

G: Kernenergie verteuert sich seit 50 Jahren jährlich um 4 Prozent. Öl seit 70 Jahren um 6 Prozent auf dem Weltmarkt. Die Erneuerbaren werden seit 2005 jedes Jahr um 10 Prozent günstiger, wobei dieser Effekt zurückgeht.

 

Auch Solarzellen oder Windräder benötigen für ihre Herstellung nicht erneuerbare Ressourcen.

B: Nicht nur die Herstellung ist ökologisch prekär, sondern fast mehr noch die Entsorgung. Die Devise muss daher lauten: alle Optionen offenhalten und nur die freie Grundlagenforschung staatlich fördern!

G: Ich glaube, Economiesuisse & Co. haben die verschiedenen Szenarien weder sauber durchdacht noch exakt durchgerechnet. Die AKW waren ja bisher eine so praktische Geldmaschine. Wenn man einmal nachschaut, wer in den Verwaltungsräten sitzt, wird einem vieles klar.

 

International geht im Energiesektor die Post ab. Verschläft die Schweiz den Anschluss?

B: Die Welt als Ganzes setzt nach wie vor primär auf fossile Energien, hoffentlich mit Bevorzugung von Gas gegenüber Kohle. China setzt im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung nicht auf Sonne und Wind, sondern will diese gar auf 10 Prozent begrenzen. Im grossen Stil wird im Nuklearbereich investiert.

G: Der Druck vom Ausland auf die Schweiz wird in allen Cleantech-Geschäftsfeldern gigantisch werden. Entweder schwimmen wir auf dieser Welle mit, oder wir sind bald «out of business».

 

 

Silvio Borner (75) wurde 1973 an der Hochschule St. Gallen habilitiert und ist heute emeritierter Professor für Wirtschaft und Politik an der Universität Basel. Als Publizist präsidiert er das «Carnot-Cournot-Netzwerk» (CCN), einen Think-Tank für Politikberatung in Technik und Wirtschaft, der auf wissenschaftlicher Basis politische Vorstösse aller Art kommentiert. c-c-netzwerk.ch

Anton Gunzinger (60) schloss sein Elektroingenieur-Studium an der ETH Zürich ab und verfasste seine Dissertation über parallele Bildverarbeitungsrechner. 1993 gründete er sein Unternehmen «Supercomputing Systems AG» mit Sitz im Zürcher Technopark. Sein Buch «Kraftwerk Schweiz – Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft» erschien 2015 im Zytglogge-Verlag.

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Tags: Energiezukunft